Wahrheit
 

Seit Aristoteles wurde der Gedanke begründet, die Wahrheit sei die Übereinstimmung  
der Aussage mit der Realität. Heute noch sagen einige, die Wahrheit liege nicht in  
der Übereinstimmung einer Aussage mit der Wirklichkeit. Einige betrachten die  
Wahrheit als Wesen andere als gegenstandslos. So gibt es einen großen Streit unter  
den Gelehrten aller philosophischen Richtungen, der schon viele Bücher gefüllt hat.

Unser Urteilsvermögen und unsere logischen Überlegungen sind uns oft gute Helfer  
bei der Suche nach Wahrheit, doch diese Helfer sind subjektiv! Tausende Menschen  
sind gestützt auf ihre Urteile und Überlegungen für ihre Wahrheit gestorben - andere  
kämpfen auch heute für ihre Wahrheit.

Innerhalb einer menschlichen Gesellschaftsordnung leben die Menschen in der selben  
realen Zeit und es gibt folglich für alle eine objektive Wahrheit. Die Wahrheit, von  
der hier die Rede ist, ist nicht abhängig von einem Zeitpunkt oder Ort und nicht  
abhängig von einer Interpretationsform.

Das Kriterium für die Erkenntnis der Wahrheit muss also tatsächlich, wie Aristoteles  
schon annahm und z.B. Marx wiederholte, vor allem außerhalb unseres Bewusstseins  
liegen. Das muss die uns umgebende „Praxis“ sein. Unsere Urteile oder unsere  
Aussagen sind dann wahr, wenn diese mit der Wirklichkeit übereinstimmen, wenn sie  
ihr adäquat sind.

Demnach muss zunächst der Abbildungsprozess, der die Umwelt (subjektiv) in unser  
Bewusstsein transformiert, möglichst störungsfrei ablaufen. Solange wir unsere  
Sinnesorgane direkt einsetzen, ist die Störungsfreiheit auf rein physiologischer Ebene  
zu finden. Wenn wir aber technische Hilfsmittel einsetzen, dann muss sehr sorgfältig  
untersucht werden, ob der Abbildungsprozess in den vorgeschalteten Phasen  
störungsfrei arbeitet. Messsysteme liefern Daten, die oft einer Interpretation  
bedürfen und oft nur im Rahmen eines Modells nutzbar sind.

Die Wahrheit ist für uns Menschen letzten Endes die Folge einer exakten Darstellung  
der Vorgänge und Erscheinungen in unserem Bewusstsein ( unserem neuronalen  
Informations-Verarbeitungssystem). Ob unsere Sinnesorgane oder unser Gehirn uns  
täuschen oder nicht, können wir durch Vergleiche und technische Hilfsmittel  
überprüfen. Aufgrund der Komplexität unserer Welt müssen wir allerdings auch mit  
relativen Wahrheiten leben.

Ein wichtiger Fortschritt auf dem Weg zur Wahrheit war die Erkenntnis, dass unser  
Universum nur ein Teil der Welt sein kann in der es existiert. Viele Menschen und  
darunter auch viele Wissenschaftler gehen jedoch davon aus, dass nach dem  
sogenannten Urknall  ungerichtete Kräfte das gegenwärtige Universum produziert  
haben. Sie gehen davon aus, dass selbst die komplexesten Erscheinungsformen der  
Materie (z.B. das Gehirn) die Produkte deren Selbstorganisation seien. Dabei wird  
nicht der absolute Zufall bemüht, sondern auf eine Untermenge von Kombinationen  
vertraut, die sich aus bestimmten Eigenschaften der Materie ableiten lassen. Ein  
Weltbild wird übrigens schon auf der ersten Seite der Bibel entworfen. Dort wird  
davon ausgegangen, dass ein Gott bereits existierte bevor unser Universum ins  
Dasein kam. Es heißt dort: "Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde." Hier  
finden auch Wissenschaftler, die sich nicht mit der Evolutions-Theorie abfinden  
wollen, eine Basis.

Um die Wahrheit zu erforschen, sind wir zwar auf unsere eigenen Sinnesorgane  
angewiesen, doch eine kollektive Auswertung von Wahrnehmungen eliminiert oder  
reduziert den Grad der Subjektivität. Unterschiedliche Ansichten über die Wahrheit,  
als Bild der Wirklichkeit, entstehen aufgrund unterschiedlicher Verarbeitung der  
Sinneseindrücke und Informationen.

Unterschiedliche Weltanschauungen kann man als das Ergebnis unterschiedlicher  
Interpretationen der selben Fakten ansehen. Leider ist es in der Regel genau  
umgekehrt: Unterschiedliche Interpretationen der selben Fakten sind die Folge  
unterschiedlicher Weltanschauungen oder Ideologien der Interpretierenden!
 
Das Dilemma in diesen Fällen ist für den einzelnen, dass er meistens als Kind, also  
zu einem Zeitpunkt der Unfähigkeit zur Kritik, zu einer bestimmten Weltanschauung  
geführt oder gezwungen wurde. Das gilt für die typische religiöse Erziehung als auch  
für die Erziehung zum Anhänger des Naturalismus. Sich von einem Weltbild zu lösen,  
das man in der Kindheit von den Eltern bekam, kann enorme Energie fordern. Bei  
vielen Menschen kommt es zwar zur Erkenntnis solcher Widersprüche, doch die Kluft  
überwinden sie lieber durch die List ihrer Gefühle - Selbstbetrug also!

Besonders wirkt sich das Fehlen von relevanten Wahrnehmungen oder Betrug bei der  
Übermittlung von Informationen zwingend differenzierend auf ein Weltbild im  
Vergleich zu anderen Mitmenschen aus. Das Dilemma ist also, dass wir von Natur aus  
nur subjektive Wahrheiten kennen, da wir in jedem Lernprozess individuelle  
Interpretationen von Fakten oder Hypothesen vornehmen. Der Wahrheit ein Stück  
näher zu kommen, ist für uns alle ein iterativer Prozess, der das ganze Leben läuft.

Ferner gibt es den Irrtum und die Lüge, die hemmend auf die Erkenntnis der Wahrheit  
wirken. Die Lüge wird gegenwärtig oft gebraucht um Machtstrukturen zu erstellen oder  
diese zu erhalten. Der Irrtum hat das menschliche Erforschen der Wahrheit stets  
begleitet und war nicht immer ein Feind des Menschen. Im Volksmund wird  
behauptet: "Irren ist menschlich." Doch es gibt Irrtümer, die anfänglich harmlos waren  
und dann zur Gefahr wurden; dazu zähle ich auch einige Irrtümer Darwins. Darwin  
erkannte zwar grundsätzliche Mechanismen der Natur und wandte sie offenbar richtig  
an. Doch wie oft im Kleinen, so auch im Großen, darf man eine Erklärung, die sich in  
vielen Einzelfällen bestätigt, dennoch nicht für alles anwenden. Selektion als Motor  
für unglaublich viele Veränderungen an den Lebensformen der Erde ist keinesfalls der  
Beweis dafür, dass die naturalistische Sicht zutreffend wäre.
 
(siehe auch Evolution/Naturalismus)
 
 
Stand 1/2008
 
 
Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand.  
(Max Frisch)


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